Faszination Stadion: Eine Zeitreise von der Antike bis zur Coface Arena.
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Stehplätze nur noch in wenigen Ländern
Ich sehe es schon von Weitem. Da steht er, dieser Koloss. Mitten in der Stadt ragt er empor, als würde er einen architektonischen Herrschaftsanspruch erheben. Ein besonderes Gefühl regt sich in meinem Körper: Ich merke, wie der Adrenalinspiegel in meinem Körper stetig steigt, die Aufregung immer größer wird. Nun komme ich diesem gigantischen Bauwerk immer näher und seine Größe scheint mich förmlich zu erdrücken. Ich gehe hinein, das Flutlicht, das von allen Seiten herein strahlt, blendet mich, bis sich meine Augen daran gewöhnt haben. Vereinzelte Lichtblitze sind über allem im weiten Rund erkennbar. Es riecht nach Bier, Zigarettenrauch und Bratwurst. Je näher ich dem Spielfeld komme, umso intensiver vernehme ich den Duft des frisch gemähten Rasens. Doch die optischen und geruchlichen Eindrücke werden schnell nebensächlich, denn was mich wirklich fesselt, ist diese unglaubliche Lautstärke, die durch meine Ohren hallt. Die Trommelschläge aus der Fankurve sind nicht nur in den Ohren zu hören, sondern auch im Bauch zu spüren. Ich begebe mich zu meinem Platz, recke meinen Schal empor und „You’ll never walk alone“ erklingt aus den Lautsprechern. Dann ertönt ein Pfiff. Es geht endlich los. Der Ball rollt! ‚König Fußball‘ regiert! Ich fühle mich zuhause!
Dies sind jüngst gewonnene Eindrücke vom Auswärtspiel der 05er im Dortmunder Signal Iduna Park, der kürzlich von der britischen Fußballstudie "the top ten football stadiums" zum lautesten Stadion der Welt gekürt worden ist. Aber egal, ob es sich um einen Giganten wie den Signal Iduna Park handelt oder schlicht um ein kleines Schmuckkästchen wie das Mainzer Bruchwegstadion: Jeder Fußballfan kennt dieses Gefühl, das einen beschleicht, wenn man eine randvoll gefüllte Sportstätte betritt. Ein Gefühl, auf das man sich bereits die ganze Woche über gefreut hatte.
Spiele können im Fernsehen noch so mau wirken, im Stadion fühlen sie sich stets völlig anders an. Wie oft ist es mir schon passiert, dass Personen, die ein von mir im Stadion besuchtes Spiel in der TV-Übertragung gesehen hatten, später jedoch mit einem abfälligen Kommentar abwinkten, das Spiel sei langweilig gewesen. Ich hingegen kam in den 90 Minuten kaum zur Ruhe, war mit Adrenalin vollgepumpt und fühlte mich, als stünde ich selbst dort unten auf dem Rasen. Es gibt keinen Ersatz für das Erlebnis, ein Fußballspiel seines Lieblingsclubs live im Stadion miterleben zu dürfen. Nirgendwo wird die Symbiose zwischen Fan und Mannschaft so intensiv vollzogen, wie im Stadion.
Bisher hatten im Mainzer Bruchwegstadion - zieht man das Gästekontingent von 10 Prozent der Gesamtkapazität ab - nur rund 18.000 05er das Privileg, bei einem Heimspiel live dabei zu sein. Doch das Leiden vieler Fans, die beim Kartenverkauf oft leer ausgehen, hat bald ein Ende, denn die Coface Arena kommt! Mit einer Kapazität von 33.500 Zuschauern werden bedeutend mehr 05-Fans das oben beschriebene Gefühl am eigenen Körper erfahren können, live in die Faszination ‚Fußballspiel‘ eintauchen zu können.
Offiziell wird das Stadion jedoch "Arena" heißen. Aber warum eigentlich? Schaut man sich einmal in der Fußballlandschaft um, so gibt es heute zahlreiche "Arenen" und kaum noch "Stadien". Egal ob Coface Arena, Allianz Arena, Commerzbank Arena oder BayArena, das altehrwürdige Stadion scheint ausgedient zu haben. Handelt es sich hier schlicht um eine Namensrevolution oder steckt hinter dieser neuen Sportstättenbezeichnung vielleicht doch ein System?
Es stellt sich uns zudem die Frage, ob unser neues Schmuckkästchen überhaupt im "Trend" liegt, was die neuste Generation der Fußballarenen betrifft. Ist die Coface Arena nur eine von vielen oder gar etwas Außergewöhnliches, eine Art Trendsetter?
Diesen und noch vielen anderen Fragen rund um das Phänomen Stadion wollen wir – die Fanreporter – mit einer eigenen vierteiligen Serie nachgehen. Hierzu wollen wir eine kleine Zeitreise durch die Geschichte des Stadions unternehmen, beginnend bei den Anfängen in der Antike. Wir wollen in Erfahrung bringen, wie sich das Bild des Stadions in der Nachkriegszeit geändert hat, was unsere Stadien von denen in anderen Ländern, beispielsweise in England, unterscheidet und welche Entwicklung sich nach der WM 1974 in Deutschland vollzogen hat.
Ein Meilenstein der Geschichte des Stadions waren die 1980er Jahre, das Jahrzehnt der Stadionkatastrophen. Jene Tragödien beendete das Zeitalter der Stehplätze in England, Spanien und bei internationalen Fußballspielen. Deutschland hingegen ist eines der wenigen Länder, in denen auch heute noch auf Stehplätzen angefeuert, gefeiert und gelitten werden kann. Weshalb dies so ist, wollen wir in dieser Reportage erzählen. Im letzten Teil der Stadionhistorie soll der Stadionboom der jüngeren Vergangenheit im Mittelpunkt stehen, der in Deutschland Ende der 1990er begann und mit dem Zuschlag für die WM 2006 ihren Höhepunkt erreichte. Außerdem wollen wir einen Ausblick in die Zukunft des Stadions wagen, zu der auch unsere heiß ersehnte Coface Arena gehört.
Viel Spaß beim Lesen!