Serie Folge 2: Von der Antike bis in die 1970er Jahre – Das Stadion zwischen Sportereignis und Politikum


Das Olympiastadion in Berlin vor dem Umbau

Das Olympiastadion in Berlin nach dem Umbau

Das Stadion in Hamburg im Laufe der Zeit
Auf Bild klicken und Fotostrecke starten
Monumentalbauten: Massen begeistern
Was schon in der biblischen Geschichte des "Turmbaus zu Babel" beschrieben wurde, zieht sich seitdem durch alle Zeitalter der Menschheitsgeschichte: Der Mensch möchte mit seinen Bauwerken hoch hinaus, Eindruck schinden, Macht demonstrieren und auch insbesondere die Massen begeistern.
Eine Massenhysterie kreieren, das war auch das Ziel antiker Architekten. Ob Griechen oder Römer, sie bauten ihre Sportstätten, die Stadien, zuvorderst für die Unterhaltung der Massen. Sie schickten sich an, die ursprünglichsten Instinkte des Menschen zu wecken, aus ihnen Tiere zu machen - Herdentiere. In diesen Bauwerken konnten die Massen einmal wieder ‚Tier‘ sein, alle Hemmungen abwerfen, das Kollektiv und die Ekstase am eigenen Leibe spüren. Die römischen Herrscher erhofften sich dadurch, einerseits ihre Machtansprüche zu demonstrieren und andererseits, die Untertanen zu ‚beschäftigen‘.
Das Resultat waren anspruchsvolle Monumentalbauten, imposante Bauwerke, die noch bis ins 21. Jahrhundert erhalten sind. Olympia, Delphi, Epidaurus oder Athen: Alle diese Orte hatten eine Wettkampfanlage, in der Regel eine Laufbahn. Auch hierher rührt der Name ‚Stadion‘, das im altgriechischem Sprachgebrauch einer Längeneinheit von 600 Fuß (165-196 Meter) entsprach. Laufwettkämpfe waren hier dominierend, später sollten auch Kampfspiele und Tierhatzen zur Unterhaltung des Volkes dienen, in den eigens dafür gebauten Amphitheatern. Diese Kulte, die uns heute als überaus unmoralisch und barbarisch erscheinen, waren einer der Ursprünge von dem, was wir heute unter einem Stadion verstehen.
Das mit Abstand bekannteste ‚Stadion‘ der Antike kann auch heute noch in der italienischen Hauptstadt Rom begutachtet werden. Dieses Bauwerk drückt alles aus, was die Arenen dieser Zeit waren. Die atemberaubende Architektur, die gemessen an den damaligen technischen Fähigkeiten der Menschheit einem heute fast als surreal erscheint, strahlt eine unglaubliche Ästhetik aus, die doch besudelt ist mit Blut, dem Blut der unzähligen Sklaven, die an deren Erbauung beteiligt waren und natürlich dem Blut der zahllosen Opfer, die in den menschenverachtenden Wettkämpfen ihr Leben verloren.
Das weite Rund
An den architektonischen Merkmalen dieser Wettkampfarenen orientierten sich auch die Stadien, wie man sie in der Neuzeit kennt. Die Laufstrecken wurden nun als Ovale geschlossen und umgaben sogenannte Spielflächen, die zumeist mit feinem Rasen versehen waren. Diese Spielflächen, mit oder ohne umgebende Laufstrecke, sollten auch den Grundriss eines Stadions bestimmen, der von oval (z.B. Fußballstadion mit Laufbahn), kreisförmig (American Football Stadium, Cricketstadion, Baseballstadion) bis hin zu rechteckig (‚reines‘ Fußballstadion, Tennisstadion) variierte.
Geblieben ist allen Stadiontypen das weite Rund, bestehend aus großen Zuschauertribünen. Diese teils monströs wirkenden Bauwerke wurden vielerorts zu einem prägenden Merkmal der umgebenden Landschaft und zeichneten sich durch ihre großzügige, offene und luftige Bauweise aus.
Politik instrumentalisiert Stadien
Ein trauriger Aspekt der Historie des Stadions besteht jedoch darin, dass seine Politisierung mit der Antike nicht geendet hat, sich stattdessen fortführte oder sogar verstärkte. So wurde auch das Berliner Olympiastadion, erbaut für die Olympischen Sommerspiele 1936 und zweifelsohne eines der prägenden architektonischen Bauwerke der deutschen Kultur, schamlos instrumentalisiert für die Propaganda der Nationalsozialisten. Adolf Hitler thronte von den Emporen des Stadions und wollte mit diesem Giganten der zeitgenössischen Architektur den Herrschaftsanspruch der germanischen Rasse untermauern. Die Olympischen Spiele selbst, die Bestimmung des Stadions also, seine Seele, rückte dadurch in den Hintergrund. Auch nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 sollte das Berliner Olympiastadion von jener Politisierung nicht erlöst werden, nutzen doch die Alliierten das Stadion als eigene Kommandozentrale. Auch hierin war sicher eine politische Botschaft versteckt, die das Stadion schlussendlich einmal mehr zweckentfremdete. Seiner wahren Bestimmung wirklich gerecht werden konnte das Berliner Olympiastadion erst durch zahlreiche Sportereignisse in den folgenden Jahrzehnten, besonders aber auch dank des Fußballs.
"Demokratische" Mehrzweckstadien
Die von den Alliierten praktizierte Umerziehungspolitik, die den Deutschen die Grundlagen der Demokratie beibringen sollte, äußerte sich auch in der Stadionarchitektur der Nachkriegsjahre. Große monumentale Bauten wie das Berliner Olympiastadion erschienen nicht mehr angemessen, erinnerten sie doch an den Missbrauch der Nazis für ihre Weltherrschaftsfantasien. ‚Demokratisch‘ war das neue Schlagwort, die Prämisse für die Sportstätten der Nachkriegsgeneration. Diese neue Generation von Stadien war gewissermaßen ein Gegenentwurf zu den antiken und monströs wirkenden Sportstätten. So fügten sich die neuen Stadionarchitekturen harmonisch in das Landschaftsbild ein, waren ihre Tribünen doch nicht selten aus Erd- und Trümmerwallen errichtet worden. Sie ragten nicht mehr aus ihrer Umwelt empor, sondern bildeten mit dieser eine Art Symbiose. Diese Stadien waren weitläufiger als ihre Vorgänger und auch wesentlich demokratischer. Ihre Bestimmung war nun nicht mehr alleine das Sportspiel, sondern auch andere gesellschaftliche Ereignisse wie Kirchentage und ähnliche Freizeitveranstaltungen hatten an diesen Orten ein Zuhause gefunden. Die ersten Stadien der Nachkriegsjahrzehnte waren weit von einem ‚Absolutheitsanspruch‘ des ‚Königs Fußball‘ entfernt. Jeder sollte ein Stück vom Kuchen abbekommen.
So ergab es sich auch, dass viele Stadien, die für die Fußballweltmeisterschaft 1974 in Deutschland neu errichtet oder umgebaut wurden, keinesfalls alleine auf das Ereignis ‚Fußballspiel‘ hin konzipiert worden waren. Es entstanden Stadien wie das Parkstadion in Gelsenkirchen, das Niedersachsenstadion in Hannover oder das Hamburger Volksparkstadion, alles ‚demokratische‘ Mehrzweckstadien, die sich nahtlos in die Umgebungslandschaft einfügten.
Münchner Olympiastadion als Symbol
Das wohl symbolhafteste Stadion dieser Generation dürfte das 1972 für die Olympischen Sommerspiele eröffnete Münchner Olympiastadion sein. Das gesamte Olympiagelände, also Park, Halle und Stadion, charakterisiert durch das geschwungene und transparente Zeltdach, stand wie kaum ein zweites bundesdeutsches Sportgelände für dieses neue freiheitlich-demokratische Selbstverständnis der deutschen Nation. Der Architekt des Olympiastadions, Günter Behnisch, nannte es einst stolz „freiheitliches Volkstadion“. Dieses Stadion war im deutschen Selbstverständnis dieser Zeit der krasse Gegenentwurf zum Berliner Olympiastadion. Das deutsche Selbstbewusstsein fußte nun nicht mehr auf einem monumental untermauerten Herrschaftsanspruch, wie damals 1936, sondern nunmehr auf einer freiheitlich-demokratischen Gesinnung. Das Stadion in München stach nicht wie das in Berlin aus seiner Umgebungslandschaft empor, um zu verkünden, dass es eine gesonderte Machtstellung einfordere, sondern es fügte sich - im Jahre 1972- in die Landschaft ein mit der Botschaft an die demokratische Welt „Ich bin einer von euch“. Streng genommen wurde auch das Münchner Olympiastadion hier politisiert, wenn auch mit einer positiven Note. Es war ein Symbol für die Westintegration der Bundesrepublik Deutschland, den Weg des Friedens und der Kooperation.
Prototypen des reinen Fußballstadions
Ausnahmen dieser typischen Nachkriegsstadien waren sicher das damalige Dortmunder Westfalenstadion (Fertigstellung 1974) und das Ruhrstadion in Bochum (Fertigstellung 1979). Diese Art Prototypen des ‚reinen‘ Fußballstadions in Deutschland orientierten sich an den Stadien der britischen Insel, die im Gegensatz zur im Demokratisierungsprozess befindlichen Bundesrepublik über ein solch ausgeprägtes demokratisches Selbstverständnis verfügten, dass die einzig auf Fußballspiele hin konzipierte Stadien keine Gefahr für die politische Kultur darstellten. Hier stand nicht die gesellschaftliche Gesinnung im Vordergrund, sondern ‚König Fußball‘, der bald auch in Zentraleuropa nach der unbeschränkten Macht greifen sollte.
Wie sich die Stadien in Großbritannien von denen in Deutschland unterschieden und welche Folgen die Stadionkatastrophen von Heysel und Hillsborough für den internationalen Fußball haben sollten, erfahren Sie im zweiten Teil der Reportage!