Die Coface Arena-Reporter trafen sich mit Ferdinand Graffé, dem Prokuristen der GVG Mainz, zum Interview. Philipp Germeroth berichtet.


Ferdinand Graffé stellt bei der Pressekonferenz im Frankfurter Hof die Stadion-Daten vor.

Stapelweise Verträge: Ferdinand Graffé vor der Vertragsunterzeichnung mit hbm.

Generalunternehmer hbm und die GVG bauen die Coface Arena für Mainz 05.

Ein freudiger Tag: Grundsteinlegung für die Coface Arena.

Ferdinand Graffé mit Baudezernentin Marianne Grosse.

Viel gefragter Mann auch für die Presse: Ferdinand Graffé.
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Hallo Herr Graffé. Skizzieren Sie bitte Ihr Aufgabenfeld als Bauherr.
Ein Bauherr kümmert sich um alles. Angefangen bei der Grundstücksuche und dem Erwerb, über die Baugenehmigung und die Finanzierung des Stadions. Ich habe den Bauherren bei der Erstellung des Masterplans vertreten, die Ausschreibung angestoßen und war Auftraggeber der funktionalen Leistungsbeschreibung. Zudem habe ich den Bauvertrag mit formuliert, war Auftraggeber für den Stadionbau selbst durch HBM und bin für die komplette Infrastruktur (Oberflächenstruktur, Ver- und Entsorgung, Straßen, Wege, Plätze, Busbahnhof) zuständig. Desweiteren leite ich das Baucontrolling (Finanzielles, Technisches, Qualitätskontrolle, Materialproben) und bin für die Steuerung des kompletten Baus zuständig. Dabei treffen wir uns zwei bis dreimal in der Woche an einem runden Tisch. Heute haben wir zum Beispiel 30 Punkte besprochen. Sie merken: Mir wird so schnell nicht langweilig.
Welche Projekte haben Sie in Mainz vor dem Bau der Coface Arena betreut?
Ich zähle nur die größeren auf: Die Umwandlung der ehemaligen amerikanischen Kaserne Lee Barracks in ein Wohngebiet für 3.500 Menschen mit kompletter Infrastruktur, das Gewerbegebiet am Mombacher Kreisel, das Wohnbaugebiet Großberghang in Weisenau, den Wirtschaftspark in Hechtsheim und die Gewerbegiebtserweiterung sowie den Flugplatz in Layenhof.
Wie kamen Sie zu diesem Beruf; welche Ausbildung haben Sie?
Ich habe eine kaufmännische Ausbildung als Industriekaufmann und habe mich nach dem Abitur mit EDV beschäftigt. Ich bin gelernter Konsoloperator, kam dann zur Stadt und habe dort mein Diplom als Verwaltungswirt gemacht. Daraufhin wurde ich Mitarbeiter des Mainzer Baudezernenten und wechselte anschließend in die Liegenschaftverwaltung und habe somit relativ früh Immobilienverwaltung gemacht. Da kam ich automatisch auf das Bauen. Ich bin zwar kein gelernter Bautechniker, aber Sie finden bei dieser interdisziplinären Aufgabe als Bauherrenvertreter alle beruflichen Disziplinen, da dies nicht studiert werden kann. Sie müssen eine juristische und kaufmännische Ausbildung sowie großes bautechnisches Verständnis haben – und das habe ich.
Gibt es einen Traum, was Sie in Mainz noch bauen wollen?
Nein. Träume gibt es nach dem Stadionbau einfach keine mehr. Im frühen Mittelalter war die Brücke über den Fluss das herausragende Projekt, anschließend der Dom oder die Kathedrale. In der Neuzeit ist das Stadion das identifikationsschaffende Element, alles andere fällt da automatisch ab. Hier geht’s weniger um die Bausumme, da hatten wir sicherlich größere Projekte. Ein Stadion ist eine Versammlungsstätte für 34.000 Menschen – jeder sechste Mainzer kann an einem Platz zusammen kommen. Das ist die größte Veranstaltungsstätte in Rheinhessen. Weil es so viele Menschen sind, sind es auch so viele Typen. Wir haben 17 verschiedene Eintrittspreise, dadurch auch ganz unterschiedliche Interessen. Der Stehplatzfan hat ganz andere Wünsche als der Logenbesitzer, der schreibende Journalist hat ganz andere Interessen als die Fernseh- und Radiomacher. Das ist das Besondere an so einer Spezialimmobilie, weil es ist nicht irgendein Bürogebäude, ein Laborgebäude, sondern eine besondere Veranstaltungsstädte ist. Das erfordert weniger bautechnisches Verständnis, sondern viel mehr Psychologie: Wie reagieren Menschen und welche Bedürfnisse haben sie? Die müssen wir alle befriedigen in so einem Neubau.
Merkt man bei Ihren Mitarbeitern und den Bauarbeitern in ihrem täglichen Einsatz, dass sie an einem besonderen Projekt arbeiten?
Es ist einfach eine ganz besondere Spezialimmobilie. Da ist jeder – bis auf wenige Ausnahmen – mit viel Herzblut dabei. Ohne diese Leidenschaft würde es auch gar nicht funktionieren, denn es handelt sich hier bestimmt nicht um einen acht Stunden Tag.
Besteht in ihrer Arbeitsweise ein Unterschied aufgrund des großen öffentlichen Interesses an dem Stadionbau? Wie wichtig ist es, Fingerspitzengefühl zu beweisen, welche Infos wann an die Presse gelangen?
Man muss als Bauherr natürlich auch ein Entertainer sein. Sie können so ein Stadion nicht bauen, wenn sie etwas hinter dem Berg halten wollen – dann machen sie nämlich Fehler. Noch nicht entschiedene Dinge dürfen natürlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Hier kann jeder rein, hier wird jeder durchgeführt. Wir haben eine transparente Baustelle, dementsprechend gibt es in der aktuellen Phase des Baues keine Geheimnisse mehr.
Wie ist Ihre Beziehung zu Mainz 05? Haben Sie sich bereits vor dem Bau für den Verein interessiert?
Ich bin Mitglied und habe privat eine Dauerkarte bei Mainz 05. Fußball schaue und spiele ich seit Kindheitstagen. Sie müssen eine Affinität haben um baulich alles so umsetzen zu können, was im Fußball erwartet und benötigt wird.
Das Entscheidende und Interessante ist: Wir sind einer der letzten Neubauten in Deutschland. Dadurch haben wir uns sehr bemüht das Wissen des Stadionbaus hier umzusetzen und haben ein perfektes Stadion der dritten Generation geplant. Wir sind aber so weit in der Weiterentwicklung, dass wir das Fenster ein Stück weit öffnen für die vierte Generation. Wir haben zum Beispiel heute schon diskutiert, wie wir das Stadion auf 3-D Fernsehen vorbereiten können. HD-TV gibt es erst seit ein paar Monaten und wir denken schon an die nächste Generation. Wir versuchen alle Strömungen und technischen Möglichkeiten vorauszudenken und uns auf alle vorbereiten.
Wie groß sind Ihre Bedenken etwas falsch gemacht und vergessen zu haben?
Ich bin ganz sicher, dass wir etwas falsch gemacht haben und etwas vergessen haben. Bei der Komplexität so eines Baus kann es nicht ohne Fehler gehen. Durch die zeitaufwendige Grundstückssuche hatten wir aber länger Zeit für die Planung und dadurch den einen oder anderen Fehler beseitigt. Wir haben mit den Augen sehr viel von den anderen Stadien gestohlen.
Haben Sie sich schon einen Platz in der Coface Arena ausgesucht?
Nein. Zu Beginn werden Sie mich überall finden, vor allem draußen vor dem Stadion. Ich muss nachschauen, dass überall alles funktioniert. Wir müssen zudem damit rechnen, dass Zuschauerströme sich anders verhalten als geplant und gedacht. Es bedarf sicherlich ein Jahr, um Nachbesserungen an der Infrastruktur vorzunehmen, sodass alles perfekt wird.
Wie gut liegen Sie im Zeitplan? Welche Probleme könnten diesen noch durcheinander bringen oder haben ihn schon gestört?
Wir können aktuell noch überhaupt nicht einschätzen, ob wir wirklich im kommenden April fertig werden. Dafür sind wir vom kommenden Winter abhängig. In den vergangen Monaten hatten wir mehr Oberflächenwasser als jemals zuvor in dieser Zeit, was uns sicherlich ein wenig Behinderungen geliefert hat. Uns ist es immer zu trocken oder zu nass, aber auch mit diesen Problemen werden wir fertig. Das einzige richtige Problem war die Grundstückssuche, die über eineinhalb Jahre gedauert – in dieser Zeit baut man ein ganzes Stadion. Am Bau selbst gibt es natürlich täglich Probleme, aber die lösen wir mit unserer Erfahrung.
Skizzieren Sie bitte kurz den Plan für die kommenden Monate.
Die Freiflächen, die etwa ein Viertel des ganzen Budgets verschlingen, müssen noch komplett gebaut werden. Mit Abschluss des Baus der „Mainzer Wand“ beginnt der Stahlbauer sein Dach vorzubereiten. Wir schätzen, dass dieses am 15. August fertig ist. Wir werden aber vor dem 15. Juli nicht die Fläche außenherum freibekommen, da wir diese als Baustraße für den 160 Tonnen schweren Kran benötigen. Mit den Dächern enden wir im Oktober an der Haupttribüne. Das Dach geht in einem Sechs-Grad-Winkel, 33 Meter freitragend Richtung Spielfeld nach oben. Das haben wir bewusst gemacht, damit wir einen richtigen Hexenkessel bekommen. Es gibt Stadien, in denen das Dach nach innen abgesenkt ist. Das führt dazu, dass man oben sitzend nicht alle Zuschauer der Gegentribüne sehen kann – das wollten wir unbedingt verhindern.
Wie schafft man es, alle Bauarbeiter zu koordinieren, damit jeder immer weiß welche Aufgaben er täglich zu absolvieren hat?
Wir haben ganz viele unterschiedliche Firmen, die sich selbst organisieren. Es gibt zum Beispiel ein Unternehmen, welches den Beton gießt und die Ausschalung macht. Etwa 50 % des Betons sind Fertigteile (ca. 25.000 m³), die andere Hälfte wird vor Ort gegossen. Die erste Firma produziert die Fundamente und die Einschalung, die zweite Firma produziert die Bewährungseisen und die erste Firma wiederum lässt dann den Beton, der von einer dritten Firma hier produziert wird, reinlaufen. Hierfür gibt es genaue Leistungsverzeichnisse und Zeitpläne, die natürlich von allen Betrieben strengstens eingehalten werden müssen. Nach der Fertigstellung des Rohbaus werden die Stahlbauer mit der Planung, dem Materialeinkauf und der Herstellung des Daches inklusive Entwässerung beauftragt. Das nächste Unternehmen baut dann den Kanal zur Versickerungsstelle. Daran schließen sich die weiteren Aufgaben an. Die Firmen sind dabei voneinander abhängig, sodass keine Verzögerung akzeptiert werden kann. Diese wird es auch nicht geben. Da die Vertragsstrafen sehr hoch sind, werden lieber Überstunden bezahlt, anstatt Sanktionen zu riskieren.
Herr Graffé, vielen Dank für Ihre Zeit und die Informationen.